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Stimmt es, dass Du eine Ölheizung gebaut hast?

Erstellt von ZisserF am Mittwoch 30. Juli 2014

Oel2Ich arbeite in meiner Freizeit in mehreren Gruppen mit, die die Nachhaltigkeit oder die Bewahrung der Schöpfung zum Thema haben. Neulich traf ich einen Kollegen aus einer dieser Gruppen und unterhielt mich mit ihm. Plötzlich bemerkte ich eine leichte Unsicherheit in seinem Gesicht. Er überlegte und sagte schließlich:  “Du, jetzt muss ich dich ganz direkt etwas fragen: Stimmt es, dass Du eine Ölheizung gebaut hast?”. Punkt.

Es gibt in der Nachhaltigkeitsszene mehrere immer wieder gerne angeführte Beispiele für “extrem nicht nachhaltiges Handeln”. Konsumiere keinen Orangensaft, der wird unter größtem Wassereinsatz in wasserarmen Gegenden produziert. Kaufe keine weit weg produzierten Lebensmittel, sondern hochwertige Produkte aus der Region. Verwende hochwertige Geräte, die du reparieren kannst und nicht durch neue ersetzen musst und schließlich: Heize deine Wohnung, dein Haus mit Systemen, die die Energie aus erneuerbaren Trägern beziehen, kurz: heize ja nicht mit Öl oder Kohle! Ich stehe voll hinter diesen Beispielen.

“Stimmt es, dass Du eine Ölheizung gebaut hast?”. Da schwingt schon mit: Wie konntest Du nur? Gerade Du? Das darf einfach nicht sein. Nun, ich höre diese Schwingungen nicht heraus. Sie bieten mir vielmehr Gelegenheit, das nachhaltige Leben wieder einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, denn “am täglichen Handeln werden wir einst erkannt werden”.

Ja, ich habe meinen 27 Jahre alten, bereits mehrmals geschweißten Ölkessel durch einen neuen sparsameren (Brennwert) Kessel ersetzt und dabei auch den gleichaltrigen Solarbeuler erneuert und die Eigenbau-Solaranlage neu abgedichtet anstelle sie zu tauschen. Als handwerklich begabter Mensch, habe ich die Arbeiten unter Aufsicht eines Fachbetriebes selbst gemacht. Der gesamte Umbau kostete mir lediglich 1/5 von dem, was der Umbau in meinem spezifischen Fall auf eine Pellets, Hackschnitzel oder Wärmepumpenheizung gekostet hätte. Der Tausch der bestehenden Hochtemperaturheizkörper, um den Wirkungsgrad zu erhöhen, wäre da noch gar nicht mitgerechnet gewesen. Der Grund für die Existenz des neuen Ölkessels ist also ein ganz profaner: Ich habe das Geld nicht für eine alternative Heizung. Auch wenn ich es wollte, ich kann sie mir derzeit nicht leisten. Bin ich deshalb ein schwarzes Schaf unter den Kämpfern um eine gerechtere gesündere Welt? Ich habe mir die Entscheidung wahrlich nicht einfach gemacht und  versucht, sie durch ein Bündel von anderen Handlungen zu kompensieren. Hier ein Auszug (auch als Checkliste geeignet):

Mit 49 Jahren habe ich mein Geld in Bildung investiert und ein 3 jähriges Bachelorstudium begonnen und mittlerweile abgeschlossen. Bildung ist zu tiefst nachhaltig. Fehlendes Geld versuche ich durch vermehrte Eigenproduktion von Lebensmitteln, durch Verlängerung der Lebensdauer von Geräten und der Bausubstanz zu kompensieren. Ich repariere alles, was nur möglich ist. Überflüssige Produkte – deren gibt es in jeder Werbung  zuhauf – werden nicht angeschafft. Gegrillt wird mit Kohle, das Auto wasche ich selbst und eingekauft wird zu Hause. Wandern in der Freizeit ist nachhaltig und ressourcensparend. Der Stromanbieter ist mittlerweile ein 100%iger Ökostromanbieter.  Die Heizseison für die Zentralheizung wird verkürzt. Die Übergangszeit wird durch einen Kachelofen, einen Schwedenofen, sowie kuschelige Pullover verlängert. Von schwindeligen 29 Euro Flügen oder New York Wochenend Arrangements nehmen meine Frau und ich Abstand. Stattdessen beginnen wir wirklich zu “reisen”, zB. zu Fuß durch Spanien oder mit dem Zug- Schlaf- oder Liegewagen nach Rom. Dort bewegen wir uns auch zu Fuß. Die Führungen machen wir selbst, in dem wir uns lesend auf eine Reise vorbereiten. Die Top- Lebensmittel die wir verwenden, sind die aus dem eigenen Garten oder den Landwirtschaften unserer Freunde und Verwandten. Dann gibt es zu besonderen Anlässen hochwertige Bioprodukte. Für jeden Tag können auch wir nicht auf den Diskonter verzichten. Aus Solidarität mit den Hungernden der Welt, die an ihrem Schicksal meist nicht selbst Schuld sind, besteuern wir uns seit 30 Jahren monatlich selbst. Seit 25 Jahren treibe ich regelmäßig gemeinsam mit Freunden Geld für Hungernde in der Welt auf. Die neuen Medien benutze ich um meinen Beitrag für positive Diskussionen in der Öffentlichkeit zu leisten.

Nachhaltig leben betrifft in erster Linie mich selbst, mich ganz alleine. Meine Aktivitäten entscheiden darüber, ob ich die Welt in einem guten Zustand hinterlassen werde oder nicht. Es gibt immer eine Vielzahl von Gründen, warum wir im Einzelfall so oder so agieren. Ich denke, wir können der alleinerziehenden Mutter nicht vorwerfen zum Textildiskonter zu gehen um dort Kinderkleidung, hoffentlich nicht von Kindern hergestellt, zu Spottpreisen zu kaufen. Wir können dem Gartenliebhaber nicht vorwerfen den Garten mit insektenverwirrenden 1-Euro Rasensolarlichtern zuzupflastern, wenn er mangels Interesse an Fachzeitschriften über die Folgen seines Tuns nicht Bescheid weiß. Wir können vielen einfachen Menschen nicht vorwerfen auf die Werbung mancher Konzerne hereinzufallen und zu kaufen, was da ist, egal ob die Äpfel aus Übersee kommen oder vom Nachbarn. Aber: Ja, wir können alles daran setzen in unserem Umfeld durch Information auf die Schonung von Natur und Umwelt hinzuweisen und zwar immer wieder, bei jedem Anlassfall, nach jedem Zeitungsartikel der uns auffällt, nach jeder menschgemachten Naturkatastrophe. Ja, wir können durch Gespräche und Interesse die Handlungen unserer Mitbürger zu verstehen versuchen und uns in die öffentliche Diskussion immer wieder einbringen. Ja, wir müssen eine noch viel aktivere Rolle einnehmen und die Nachhaltigkeit zum Thema machen, in der Familie, im Beruf, in der Freizeit, in unserem täglichen Leben.

Ja, ich habe meine Ölheizung erneuert und gleichzeitig meinen nachhaltigen Lebensstil wieder einmal kräftig runderneuert.