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Zwei-Klassen Kultur

Erstellt von ZisserF am Sonntag 14. September 2014

Staatsoper1Nehmen wir an, ich sei der Chef über ein erfolgreiches österreichisches Opernhaus oder Theater. Das Haus wird massiv von der öffentlichen Hand subventioniert. Die Qualität der Produktionen ist ausgezeichnet, das Haus äußerst gut ausgelastet. Besucherinnen und Besucher suchen sich im Spielplan Termine, finden im Online-Buchungssystem freie Plätze am gewünschten Abend und kaufen die Karten. Alles ist gut. Es kann vorkommen, dass manche Aufführungen schon wenige Minuten nach der Buchungsmöglichkeit im Online-System verkauft sind; auch gut. Dann komme ich auf die Idee den Kartenverkauf umzustellen. Ich vergebe erst einmal alles an eine ausgelagerte Gesellschaft. Nun kann der Besucher im Spielplan Termine finden, im Online-System nach freien Plätzen suchen und nur mehr Wunschplätze angeben und einen Buchungswunsch deponieren. Der Besucher hat also einerseits ein Echtzeit – Online Programm, das ihm Wünsche äußern lässt, buchen kann er dabei noch nicht. Die Karten werden nun “zugeteilt”. Es erinnert mich an Zeiten des Kommunismus in Osteuropa, auch dort ist alles nur “zugeteilt” worden. So weit, so nicht mehr gut. Der Besucher kann sich einen Wunschplatz aussuchen, ob er diesen Platz zugeteilt erhält, weiß er zu einem von ihm anzugebenden Datum. Die Verantwortung für die Wahrscheinlichkeit mit der ein Wunschplatz zugeteilt wird, wird auf den Besucher abgeschoben. Wer am Besten gleich ganze Karten-Kategorien statt einzelner Plätze auswählt, hat größere Chanchen einen Platz zu ergattern. Wie erfolgt nun  die Zuteilung der Karten? Im Kleingedruckten ist es  kaum zu finden. Wenn der Besucher nachfragt, so wird ihm die entsprechende Auskunft gegeben. Besucher können eine eigene Karte beantragen mit der sie quasi eine Art  Mitglied der Kartenverkaufsgesellschaft werden. Mit dieser Karte können sie auch eine Zahlfunktion verquicken. Nun zur Zuteilung: Wenn Sie keine Karte haben, sind sie als letztes dran.

Mit Karte geht´s schon besser. Mit Karte und Einziehungsauftrag oder Kreditkartenbezahlung sind sie noch besser dran und als erstes erhalten sie Zuteilungen, wenn sie auf der Karte ein Online-Gelddepot anlegen, die Karte also als eine Art Bankkonto sehen. Alles ist gänzlich freiwillig, versteht sich. Alles ist Eitel Wonne. So und nun bin ich nicht mehr Direktor sondern Besucher eines der Häuser. Warum kann mich ein Theater zwingen eine Menge Online Registrierungen, Mitgliedschaften, Kartensysteme, Zahlungsarten und Depots anzulegen wenn ich doch nur eine Karte für ein tolles Stück im Theater haben möchte? Warum hängt es von meinem Bankkonto oder einer Kreditkarte ab, ob ich eine Karte bekomme oder nicht? Warum ist ein Einziehungsauftrag das Kriterium für das Ja oder Nein. Ich will das nicht, ich will nur eine Eintrittskarte, sonst nichts. Ich zahle im voraus, ok. Ich zahle in Bar, bringe das Geld an die Kasse im Theater, hole die Karten dort ab, nein ich muss bei einer Internetfirma unter unzähligen Bedingungen die Karte bestellen, darf sie mir wünschen, muss lange warten ob mein Wunsch “gnadenhalber” erhört wird und muss mich dann gütlich schätzen unter erlesenem Publikum Kultur zu inhalieren. Ich warte noch, bis es auch exakte Einheitskleidungsvorschriften gibt, man einen Benimmdich- Kurs machen muss, einen Mindestkontostand vorzuweisen hat und ein Prominentenquiz zu absolviert hat um ins Theater gelassen zu werden. Was will der Direktor? Will er gute Kulturveranstaltungen bieten und ist ihm das Kartenverkaufssystem egal oder will er sein Publikum selektieren, ein Zweiklassenpublikum erziehen, die eine Klasse die in die Häuser kommen kann mit vielen Barrieren, die allesamt mit Geld machbar sind und die anderen, die lieber in der Provinz bleiben sollen oder mit dem Kino oder Laientheatern vorlieb nehmen sollen. Steuerzahler zweiter Klasse also die mitfinanzieren, von den Produkten aber ausgegrenzt werden. Nun kann man sagen: “ist doch egal, das Wichtigste ist doch, dass man diese wunderbaren Opern und Theaterstücke besuchen kann”. Ja es ist egal, weil der Kulturgenuss für vieles entschädigt, nein es ist nicht egal, weil es keine Zwei-Klassen Gesellschaft geben darf, nicht im Staat und nicht in der Kultur. Punkt.