ZisserF

Nur Visionen bringen die Menschen voran.

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Zwischen Licht und Dunkel

Erstellt von ZisserF am Mittwoch 11. Januar 2012

 

Waren es nicht die christlichen Kirchen, die es seit 2000 Jahren verstanden haben ihre Anhänger nicht nur durch die Inhalte der Botschaft Jesu, sondern durch Rituale, Zeichen und besondere Räume zu fesseln? “Werbemöglichkeiten”, die in unserer aufgeklärten Welt des Business und der Vermarktung bis zum Letzten ausgereizt werden, hat die Kirche vor Jahrhunderten bereits eingesetzt: Logos, Jingles, Corporate Design, Medienarbeit. Der Einsatz von Logos wie dem Kreuz, von Gebeten und Gesängen, die gestalteten Kirchenräume, würde man heute als Standard Marketingwerkzeuge bezeichnen.

Auf die Frage, was zB die Römisch Katholische Kirche bis zum II. Vatikanum Anfang der 60iger Jahre des 20 Jahrhunderts ausmachte, gebe ich zur Antwort:

Da war ein Mensch, ein Mann namens Jesus. Er war eine charismatische Persönlichkeit. Er fesselte die die Menschen die ihn umgaben. Ich glaube er fesselte durch sein Auftreten, seine Redekunst, sein Verhalten ebenso wie durch die Inhalte, die er mitteilte.

Da war seine Fähigkeit der Suggestion. Er prophezeite seinen Gefolgsleuten, sie würden nach seinem Tod nicht verzagen, sondern durch die Kraft des Heiligen Geistes geführt und geleitet werden. So war es auch.

Er selbst, die Urkirche und die wachsende Kirche entwickelten das von ihm grundgelegte „Marketingkonzept“ weiter. Logos entstanden, ob es der Fisch, das Lamm oder das Kreuz ist. Jingles entstanden, so würde man heute Gesänge und Gebete nennen die ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit erzeugen, die Emotionen ansprechen, vergleichbar mit den Gesängen in einem Fußballstadion in die tausende Menschen bei einem Match einstimmen. Die menschliche Zeichensprache als nonverbaler Ausdruck einer Gesinnung perfektionierte die Kirche bis ins Letzte. Leider oft nur mehr Überbleibsel davon sind die Kniebeuge, das Hände Falten, das auf die Brust klopfen, das Neigen des Kopfes, die Stille in der Kirche, das Beten sowie viele nur mehr als Tradition abgestempelte Rituale.

Durch die klare strukturierte Form der Zusammenkünfte, gemeint sind die Eucharistiefeiern, blieben Jahrhunderte lang für die Besucher keine Fragen offen die zu stellen gewesen wären. Die Kirchenräume erzeugten Stimmungen, die die Emotionen der Menschen ansprachen wie kaum ein anderes Zeichen. Das Bauwerk, die Ausstattung des Raumes, die Altäre, die Düfte des Weihrauchs, die Farben und das Licht prägten sich in die Gehirne von Abermillionen von Gläubigen ein und verbanden sie unsichtbar untereinander.

Heute ist längst nachgewiesen, dass sich Menschen zB Düfte oder Farben ausgesprochen gut merken können. Wenn sie ihre erste Liebe in einem Raum mit einem bestimmten Duft oder einer vorherrschenden Farbe erlebt haben, so kann dieser Duft oder eine ähnliche Umgebung in ihnen das starke Gefühl dieser ersten Liebe in Sekundenbruchteilen wieder in Erinnerung rufen. Ein Traum für jeden Marketingmanager, der diesen Effekt „Wiedererkennungswert steigern“ nennt, was eines der Hautziele jeder Werbung ist.

Was mich stark bewegt ist die Tatsache, dass in fast allen österreichischen Kirchen die ich kenne, ein extrem starker Faktor dieses „Marketingbündels“ auf das gröbste vernachlässigt, ja sogar missbraucht wird: das Licht.

Eine Überlegung möchte ich noch voranstellen. Als Mensch bin ich, nach unserem Religionsverständnis von Gott erschaffen worden. Als aufgeklärter Bürger  steht für mich aber die Evolutionstheorie auch außer Zweifel. In den Zig-Tausend Jahren der Entwicklung vom Tier zum Mensch, da hat sich unser Körper perfekt an die Natur angepasst. Wir haben mit dem Tag – Nacht Rhythmus, dem Wechselspiel von Sonne und Mond, von Hell und Dunkel gelebt. Ich bin überzeugt davon, dass unsere Vorfahren nicht die Zeit von Einbruch der Dunkelheit bis zum Morgengrauen schlafend verbracht haben. Vor der Zeit, in der wir das Licht des Feuers zähmen konnten, agierten wir auch während vieler Stunden der Nacht in Dunkelheit. Das hat unser Wesen auch geprägt, davon bin ich überzeugt. Von der Zähmung des Feuers vor 50 – 100.000 Jahren bis zur Erfindung der Kerze konnten die Menschen dann in schwachem Licht Zeit verbringen und viel mehr Tätigkeiten verrichten, als in der vollkommenen Dunkelheit. Zu uns Menschen gehören auch die Dunkelheit und das schwache Licht des Feuers. Wir haben den Großteil unserer Entwicklung damit zu leben gelernt.

Ich hinterfrage unseren Umgang mit dem elektrischen Licht. Ich hinterfrage den Einsatz und die Verwendung der Mittel, die die Nacht zum Tag machen.  Fehlt uns nicht diese Phase der Dunkelheit oder des schwachen Kerzenscheins im täglichen Leben? Gibt es Zusammenhänge zwischen unserer Gesundheit an Körper und Geist und dem fast vollkommenem Fehlen der Dämmerung im täglichen Dasein? Hat das Verschwinden der Dämmerung in unserer täglichen Wahrnehmung massiven Einfluss auf unsere Psyche? Ich habe den starken Verdacht, dass es hier Zusammenhänge gibt.

Nun zum Bauwerk Kirche und zum Licht in der Kirche. Durch das künstliche Licht in vielen Kirchen haben wir die ursprüngliche Wirkung des Kirchenraumes stark verändert. Dazu meine Eindrücke: Eine romanische Kirche, in der zaghafte Sonnenstrahlen durch die spärlichen Fenster einfallen, mit gleißendem Licht zu erhellen ist nicht stimmig. Eine barocke Kirche in den nächtlichen Feierstunden mit tausenden von Lux zum Tag zu machen ist nicht stimmig. Eine Kapelle, in der die Gläubigen Kerzen entzünden können, zusätzlich elektrisch zu beleuchten, verdirbt die Stimmung. Bei den einzelnen Phasen der Messfeier, die zentral sind, die volle Beleuchtung beizubehalten ist angesichts der technischen Möglichkeiten die wir hätten nicht stimmig. Während der Mitternachtsmette oder der Osternachtsfeier zwischen dämmrig und voller Beleuchtung hin und her zu schalten, womöglich noch ohne sanften Übergängen, ist einfach nicht stimmig und nicht mehr zeitgemäß. Licht ist ein Werkzeug mit dem wir unser Tun und Denken unterstützen können. Warum arbeiten in der Kirche nicht mehr damit? Wo ist das Qualitätsbewusstsein in unserer Kirche, wo ist das Bestreben auch diese, für manche als Äußerlichkeiten abgetanen Dinge weiterzuentwickeln, damit zu experimentieren, zu optimieren und schließlich zu neuen Erkenntnissen zu kommen? Wo ist der Mut neue Wege zu gehen?

Gerade neue Kirchen oder neu renovierte Kirchen böten die Chance Akzente in Sachen ‘Beleuchtung” zu setzen. Natürlich geht es ohne technische Unterstützung nicht. Die Technik bietet Möglichkeiten, um die uns Menschen vergangener Jahrhunderte beneiden würden. Das Gespür für das Erzeugen von Lichtstimmungen, die Emotionen auslösen, dieses Gespür, das alte Kirchenbauer mit den damaligen Mitteln praktisch umsetzten, dieses Gespür mit der modernen Technik verbinden, das ist eine Herausforderung.

Meine Vision: Die Lichtgestaltung gehört zur Raumgestaltung dazu. Gezielte Beleuchtung von einzelnen Bereichen um Akzente zu setzen, ist ein Gebot der Stunde. Die Beleuchtungssituationen können dynamisch geändert werden im Jahresablauf, im Tagesablauf und natürlich im Ablauf von Feierlichkeiten. Die Lichtgestaltung gehört zur Planung jedes Gottesdienstes dazu. Programme machen dies ohne Aufwand für die Akteure möglich. Raumelemente und Objekte während der einzelnen Teile der Messe werden passend beleuchtet, mit variabler Intensität, Fläche, Farbtemperatur und Färbung. Beleuchtung ändert sich unmerklich aber geplant. So kann zB der Predigt oder der Wandlung auch in der optischen Wahrnehmung der Gläubigen, der Raum eingeräumt werden, den sie inhaltlich haben soll. Die Lampen sind dabei kaum zu bemerken, hoch integriert, steuerbar und klein. Moderne Theaterinszenierungen machen es vor, welche Lichtregister gezogen werden können.

Die Einwende zu diesen Überlegungen wie Sicherheit, Umgang mit Sehbehinderten, Aufwand usw. sind zu lösen, verglichen mit den Chancen die sich aus dieser Thematik ergeben, sind sie auf Sicht vernachlässigbar. Auch der Kostenfaktor ist durch die neuen LED Technologien kein großes Thema mehr.

Ich wünsche mir, dass wir allesamt wieder sensibler für die Sprache der Zeichen, der Stimmungen, der Rituale und der Räume werden. Dazu ist es gut auch unsere Augen zu entlasten und ihnen Phasen geringerer Lichtintensität zukommen zu lassen. Ein Ansatz, der beweisen kann, dass es die Kirche noch immer versteht, mit den Menschen auf der Höhe der Zeit zu sein, zumindest was diesen kleinen Teilbereich des Lichtes in den Kirchenräumen betrifft.