ZisserF

Nur Visionen bringen die Menschen voran.

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Klein ist fein

Erstellt von ZisserF am Samstag 17. September 2011

Es waren einmal der Huberbauer und der Brigierer, zwei eingefleischte Landwirte. Beide säten sie Getreide in den Ackerboden, mästeten sie Säue in den Stallungen, züchteten Obst und Beeren und waren glücklich dabei. Das Getreide verkauften sie in Tonnen an die Genossenschaft, das Fleisch in Kilogramm an den Fleischer und das Obst in Kisten an die Markthalle. Irgendwann wurde es dem Brigierer aber zu wenig, was er an Geld als Erlös seiner Produkte bekam und er überlegte sich, wie er die Einnahmen steigern konnte. Er begann zu forschen und entwickelte Getreide, das viel mehr Körner hervorbrachte als das bisherige. Die einzelnen Körner blähten sich auf wie kleine Erbsen. So konnte er auf dem Feld viel mehr ernten und damit Geld verdienen als der Huberbauer. Dieses Getreide gefiel auch den anderen Bauern so gut, dass sie es ihm abkaufen wollten. Der Brigierer überlegte: wenn jeder dieses Getreide hat, dann kann ja auch jeder mehr ernten und mein Vorteil ist wieder dahin. So forschte er weiter und brachte das Getreide, das er den Bauern zur Aussaat verkaufte dazu, nur einmal reiche Frucht zu bringen und sich dann nicht mehr zu vermehren. Er kastrierte es förmlich. Damit mussten die Bauern jedes Jahr bei ihm das Saatgut erneut kaufen und er verdiente zwar nicht mehr durch den Verkauf seiner Ernte sondern durch den Verkauf seines vermehrungsunfähigen aber supervoluminösen Getreides. Dann entwickelte er noch Dünger die dem Boden zugesetzt wurden und das Megagetreide noch fetter machten. Dann entdeckte er Spritzmittel, die alles Gewächs rund um die Getreidehalme vernichteten, nur die Getreidehalme selbst nicht angriff. Er trieb es sogar soweit, dass dieses Spritzmittel das Getreide seiner Mitbewerber auch tötete, nur sein eigenes nicht. Und die Bauern mussten nun auch sein Spritzmittel kaufen und seinen Dünger verwenden und natürlich sein Getreidesaatgut teuer kaufen. Der Brigierer wurde immer reicher und fühlte sich schon lange nicht mehr als Bauer sondern als Industrieller. Sein Drang nach immer besseren Methoden um das Volumen und das Gewicht der Agrarprodukte zu vergrößern war grenzenlos. Dass er damit den Humus der Böden ständig abbaute war ihm egal. Er erfand Schweine, deren Fleisch Unmengen von Wasser speichern konnte. Beim Verkaufen waren die Fleischstücke prall und schwer und erzielten durch das Gewicht hohe Preise. Beim kochen im Suppentopf schrumpften die Fleischstücke zusammen und sahen jämmerlich aus. Da sie fast nur aus Wasser bestanden schmeckten sie zudem fahl und gehaltlos. Aber auch da fand er Mittel um das Fleisch geschmackig zu machen und mit optimaler Farbe auszustatten. Er mengte spezielle Farb- und Aromastoffe ins Futter. Von den Chemikalien, die das Fleisch doppelt so schnell wachsen ließen, wie das der Säue vom Huberbauer, braucht man gar nicht mehr reden. Der Verkauf richtet sich eben nach dem Gewicht und dem Volumen und da zählt viel Ertrag und rasches Wachstum. Ob das Produkt gesund ist, kann man nicht nachweisen, auch nicht ob es ungesund ist.  Beim Obst zB, da brachte es der Brigierer so weit, dass Heidelbeeren die Größe von Kirschen bekamen, Kirschen so groß wie Pflaumen wurden und die Himbeeren fast so groß wie Nüsse waren. Voller Stolz brachte der Brigierer einmal seinem alten Freund, dem Huberbauer einen Korb voller Superhimbeeren aus seiner neuesten Züchtung vorbei und bot sie zum Kosten an.

Der Huberbauer war da aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Er säte noch immer die Getreidesorten seiner Ahnen an. Er verzichtete auf Kunstdünger. Er versuchte den Boden durch Fruchtfolgewirtschaft gesund zu erhalten und den Humus zu schonen. Gegen Schädlinge setzte er Nützlinge ein. Die Größe der Früchte, war für ihn nur eines vieler Kriterien zur Beurteilung seines Erfolges. Der Geschmack, die Natürlichkeit der Produktion, das Aussparen von  allzu intensiven Anbaumethoden usw., das waren die Prioritäten für den Huberbauer. Er fand aber auch Abnehmer seiner Produkte. Er hatte zwar viel geringere Mengen, die er produzierte aber es gab Kunden, die dafür einen besseren Preis zahlten, weil sie Gefallen daran gefunden hatten, wie der Huberbauer wirtschaftete und wie er dabei die Natur pflegte anstatt sie zu berauben. Er vertraute darauf, dass der Mensch ein Teil der Natur ist und daher sich am Besten so ernährt und bewegt, wie es seine Vorfahren in den letzten 20.000 Jahren gemacht haben. Er glaubte nicht daran, dass der Mensch gescheit genug wäre um die Lebensmittel zu formen, zu manipulieren und zu verändern wie es ihm gerade passt. Er war auch sehr skeptisch, ob die veränderten Lebensmittel wirklich gesund seien. Wie wirkt sich das Essen, das ich jetzt zu mir nehme auf meine Kinder und Enkelkinder aus, fragte er sich. Bei naturnahen Produkten, davon war er überzeugt, sind die Lebensmittel gut für den Menschen. Sie werden ja schon seit Jahrtausenden gegessen. Bei den unzähligen jährlich neu kreierten Lebensmitteln, weiß man das nicht. Was sind Beobachtungen von 10, 20 oder 30 Jahren. Wenn sich da keine krankhaften Veränderungen zeigen heißt das noch lange nicht, dass es nicht für die Kinder und Enkelkinder schädliche Folgen haben kann. Studien von Lebensmittelherstellern glaubte er nicht. Der Huberbauer dachte nicht in Jahren oder Jahrzehnten bis zu seiner Rente, nein er dachte in Jahrhunderten. Für ihn war der Boden und das was daraus hervorgeht fast heilig. Er gehörte nach seinem Verständnis nicht ihm, sondern er hatte ihn nur geborgt bekommen. Er durfte ihn nutzen und wollte ihn gut oder sogar besser an seine Nachfahren übergeben, als er ihn von seinen Eltern übernommen hatte.

Er kostete von den Himbeeren des Brigierer und sagte: (Geben Sie die Antwort. Teile Sie sie mir mit.).