ZisserF

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Centstücke

Erstellt von ZisserF am Sonntag 1. Mai 2011

Ich lehne an einem runden Holzstehtisch, der mit einem grünen Papiertischtuch überzogen ist. Die nassen, klebrigen Flecken des Tages leuchten mir entgegen. In einer Viertelstunde ist der Messebetrieb für heute beendet. Ich beobachte sie. Kaum 5 Meter von mir entfernt arbeitet sie. Zwischen uns ist ein tischhoher Verkaufstresen. Sie arbeitet im Stand. Ich stehe vor dem Stand in einem Gang, gemeinsam mit einer Handvoll anderer Besucher oder auch Aussteller, die ihre Stände bereits verhangen oder für den morgigen Tag präpariert haben und noch ein Bier oder ein Glas Wein einnehmen.

Es ist ein großer Stand mit mindestens 10 Leuten, alles Frauen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren bis auf eine, die ist 50, hager mit voluminöser Frisur und zweifelsfrei die Chefin. Sie wird immer wieder gefragt, hat den Blick einer Unternehmerin und gibt laufend kleine Anweisungen. Sie spricht sie meist nicht aus. Es genügt ein Blick, ein Augenbrauenheben, ein kurzes Kopfdeuten und die betroffene Verkäuferin nickt und agiert. Der Stand wirkt rustikal mit zwei großen Fahnen einer Brauerei aus Murau an den Ecken und über der Standblende prangen alle 9 Bundesländerfahnen. Die Verkaufsflächen sind voll mit frittierter Fingerfood, Brötchen, Broten, Getränkedosen, Flaschen und Gläsern. Auf der anderen Seite des Ganges ist ein symmetrisch aufgebauter Stand der ausschließlich Mehlspeisen anbietet. Die Stände gehören zusammen. Das Personal ist einheitlich gekleidet und äußerst aktiv. Aus den Augenwinkeln spüre ich überall Bewegung. Kein starres Bild kann entstehen, die roten Kleidungsteile ziehen wie Linien auf einem Bildschirm mit großer Nachleuchtdauer umher.
Ich beobachte die Kleidungsträgerin, die mir vor 3 Minuten ein, bereits von den langen Messestunden gezeichnetes Schinkenstangerl inklusive einer Halbliterflasche Cola Light verkauft hat. Sie hat mich bereits vergessen. Ich sah das Schinkenstangerl aus dem viel Kren hervorquoll und konnte nicht widerstehen. Vor mir kramte eine Mittfünfzigerin lange Sekunden in ihrer riesigen Geldtasche nach Centstücken. Meine Verkäuferin sah sie deutlich ungeduldig an. Ihr Blick wanderte von den leeren Schüsseln über den verdreckten Boden innerhalb des Standes wieder zur Frau, dann zu einigen Kolleginnen und wieder zu den Schüsseln. Ich sah, dass sie genug hatte vom Verkaufen. Als die Frau endlich ihre Münzen aus dem fetten Bauch der Geldtasche geklaubt hatte und zahlte, drehte sich die Verkäuferin mit einem beiläufigen Danke um und ging ans andere Ende des Standes wo sie etwas holte. Alle anderen Verkäuferinnen warfen mir durch ihr konzentriertes Zusammenräumen die Botschaft ins Gesicht, dass es Schluss für heute sei. Meine Ruhe verbot es mir klein Beizugeben. Ich stand Sekunden lang da und betrachtete den emsigen Bienenhaufen. Meine Verkäuferin kam zurück, wobei ihr Blick meine Person nur streifte und sofort wieder bei den Schüsseln war, die inzwischen von einer Kollegin vollends von den restlichen Essensstücken befreit worden waren. „Bitte“ sagte sie. Ich bestellte. Sie gab mir hastig in die Hand. Ihr Gesichtsausdruck war der einer 14 jährigen die gerade auf die Bitte des Vaters doch die Küchenabfälle auf den Komposthaufen zu bringen genervt antwortete und dann doch tat, was von ihr erwartet wurde. Ohne Worte gaben ihre Muskeln und Fältchen im Gesicht die Botschaft für mich preis die lautete „Lass mich in Ruhe. Du gehst mir auf den Keks. Ich brauch dich nicht mehr. Du kannst mich“. Sie meinte es nicht persönlich, eher generell. Ich bezahlte 6 Euro für ein Stangerl und ein Cola, suchte mein Stehpult und genoss. Mein Blick durchstreifte die Umgebung. Viele nicht erwähnenswerte Details fing er ein, bis auf eines. Auf einer der Tafeln auf der Standblende stand zu lesen, dass ein Schinkenstangerl 2,50 Euro kostet und ein ½ Liter Cola Light 2 Euro. Ich suchte das Gesicht meiner Verkäuferin, sie war geschätzte zwanzig Jahre jung, nicht gerade schlank und eher klein und fand es. So wie alle Kolleginnen trug sie ein bayrisch anmutendes schwarzes Dirndl mit grüner Schürze und weit offenem Dekollete. Um den allzu großen Einblick zu verhindern deckte ein knallrotes Halstuch geschickt drapiert zuviel Haut ab. Währen sie Schüsseln leerte, putzte, Dinge holte und wegbrachte, dazwischen immer wieder Menschen bediente, zur Bierzapfsäule ging, Gläser spülte, einschenkte und überreichte, presste sie ihre Lippen kurz zusammen, wie es die Babys tun, wenn sie gestillt werden möchten, mit einem leichten stülpen nach Außen. Zugleich zogen sich die Mundwinkel etwas nach hinten um einen Eindruck von Freundlichkeit zu erzielen. Der Rest von professionell einstudierter oder von der Chefin geforderter Freundlichkeit war es. Dann jedoch hob sie ihr Unterkiefer an und drückte damit die Oberlippe gegen die Nase. Dabei entstand jene Mimik die ich Lesen konnte. „Ich muss mir etwas gönnen. Ich brauche Bestätigung, Belohnung, Dopamin. Ich hole sie mir. Ich schlag einfach etwas drauf und bekomme so das Geld das mir für meinen Einsatz auch zusteht. Ja, es steht mir zu. Wenn jemand draufkommt, dann habe ich mich einfach verrechnet, das kann nach 9 Stunden ja wohl passieren“. Sie hat mir, so scheint es für mich, bewusst zuviel verrechnet. Es mag viele Gründe geben, warum sie das tut. Die Chefin schlichtet gerade Transportkisten und schwitzt dabei, sodass Schweißperlen an einigen Stellen den Rand des roten Halstuches dunkel zu färben beginnen. Vielleicht ist sie eine Antreiberin die das Letzte aus den Mitarbeiterinnen herausholen möchte und dabei aber schlecht bezahlt? Oder steckt meine Verkäuferin mit den Kolleginnen unter einer Decke und sie teilen sich am Tagesende die Mehreinnahmen? Vielleicht sind Kunden schuld, die mit ihren Beanstandungen, der Ungeduld, dem nach Centstücken Graben oder ihrem Drängen Mitschuld sind? Vielleicht sucht sie den – ich kann dieses grässliche Wort nicht hören – Kick? Ich suche für meine beiden studierenden Töchter eine Wohnung in Graz. Wenn ich eine um 200.000 Euro finde und sie wird mir dann um 300.000 Euro angedreht, das ist doch nicht korrekt, denke ich mir, lasse als stillen Protest die leere Flasche und die verschmutzte Serviette auf dem Stehtisch liegen und mache mich auf den Weg nach Hause.