ZisserF

Nur Visionen bringen die Menschen voran.

  • (Werbung)

Als der Wald seine Unschuld verlor

Erstellt von ZisserF am Freitag 1. April 2011

Wie der Wald seine Unschuld verlor, dazu kommt es so. Ein Baum enthält Zellulose, ein Rohstoff, den die Menschen sehr schätzen. Sie gewinnen ihn um daraus Papier zu machen, auf dem sie die Geldsymbole drucken. Heute dreht sich nichts mehr um die Zellulose, sondern alles nur mehr um die Geldscheine.
Es wird nicht mehr geduldet, dass alte, mächtige Baumriesen neben solchen, die im Besten Alter sind und deren Rinde erst zu runzeln beginnt, atmen.
Auch kein Nebeneinander mehr von schlaxigen,

halbwüchsigen nach Licht schöpfenden und dürr anmutenden jungen Bäumen wird ertragen. Sie taugten bestenfalls als Christbaum oder, falls schon zu groß geraten dürfen sie in der Kirche um Weihnachten ihr Dasein fristen. Die Menschen sind so gierig nach dieser Zellulose mit dem Aufdruck, dass sie sich überlegen, wie sie davon am Meisten aus den Waldungen kriegen können und das hat seine Spuren hinterlassen. Keine umschlungenen Hynen, die wie ein Liebespaar sich eng umranken. Sie werden alle als unbrauchbare Tölpel geschlachtet oder bestenfalls brandgeopfert, falls fett genug. Kein Krächzen und Ächzen mehr, kein Berühren hoch oben in den Baumwipfeln. Nur mehr das klinische Windesrauschen ohne Knarren, das durch das gegenseitige Reiben entsteht, soll die Ohren der Forsttruppen erreichen. Zu weit sind die Riesen von einander entfernt, als das sie sich berühren können. Es schadet ihrer Figur. Lauter Superstars sollen es werden. Für Individualität unter den Bäumen ist da kein Platz mehr. Lediglich die geschwulstigen Harzwunden dürfen weinen. Sie sind der Rest individueller Schönheit. An der falschen Stelle sind sie aber der frühe Tod.
Das Unterholz ist gewichen, chaotisch anmutenden toten Asthäufen, die Raubknechte mit ihren rotierenden Schlachtmessern oder mit bodenzerfetzenden Stahlkolossen hinterlassen.
Keine alten Bäume mehr, keine jungwüchsigen, nur die schnell wachsenden Turbobäume, die noch im ersten Drittel Ihres Lebens stehen, haben ein Bleiberecht aber auch sie werden dieses Drittel nicht überleben.
Es gibt keine 100 jährigen Bäume mehr, die die Zeit gezeichnet hat, durch Blitzschläge, durch fallende Nachbarn die ihnen Äste abgetrennt haben, durch Schnee der sie gebeugt hat und so einzigartig machte. Sie konnten sich von der monotonen Masse abheben. Sie sind längst der Gier geopfert worden.
Keine 200 Jährigen mehr, die in ihren massigen Stämmen jungen Vögeln, Eichhörnchen und anderer Kleintieren Platz bieten. Wind und Wetter hatt sie modelliert bis sie sich zu verzehren beginnen, ähnlich einer Kerze. Sie öffnen ihre Borke, spalten ihre Stämme und beginnen sich für den Wald aufzuopfern. Und keine 300-400 Jährigen, die die Last des Alters bereits zu Boden gedrückt hat, die nicht mehr hoch hinaus wollen, deren Lebenssaft nur mehr zaghaft fließt. Sie wollen neues Leben. Sie sind als Wohnung von Fuchs, Dachs und Marder entdeckt worden und bieten Schutz und Dach über dem Kopf. Auch das Moos, die Pilze, die Bakterien und Käfer des Waldes waren ihre Partner und ließen sie langsam aber sicher wieder zu dem werden, was sie mal waren, guter erdiger Waldboden.
Das Leben der bedruckten Zellulose verläuft immer schneller. Die Menschen kriegen nicht genug davon. Langsam verblassen die Erinnerung der Menschen an die Baumriesen, die nicht in Jahren oder Menschenleben, sondern in 10 oder mehr Generationen von Menschen rechnen.
Kaum jemand von den Menschen erinnert sich mehr an die Zeit bevor die Bäume Ihre Unschuld verloren hatten. Sie werden deren Schönheit und Würde auch nicht mehr erfahren. Zu wertvoll ist das, was dem Wald gestohlen wird, auf dem man Geldsymbole druckt.